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BASISSEITE: Basiphile alpine Rasen (Seslerietalia s.l.)

Pflanzensoziologie: Die basiphilen alpinen Rasen beziehen sich auf die Klassen Seslerietea albicantis und Carici rupestris-Kobresietea bellardii, welche nicht von allen Autoren unterschieden werden. Hierher gehören sehr wichtige und mehr oder weniger gut abgegrenzte Verbände: das Seslerion variae, das Caricion austroalpinae, das Caricion firmae, das Caricion ferrugineae, und das Oxytropido-Elynion.

Beschreibung

Der hier behandelte Lebensraum bezieht sich auf alpine Rasen von hinreichend zusammenhängender Deckung. Dazu gehören auch die Polsterseggenrasen (Firmeten) sehr karger Böden mit einer Deckung von über 50 %. Die einzelnen Gesellschaften unterscheiden sich in ihrer Struktur und Gestalt je nach Höhenlage, Exposition und Verfügbarkeit an Nährstoffen. So sind die Nacktriedrasen (Elyneten) selten über 20-30 cm hoch, während die robusten Horste von Helictotrichon parlatorei manchmal sogar die Höhe von einem Meter erreichen können. Die Physiognomie der Übergangsformen zu Saumgesellschaften und zu Gesellschaften mit hohen basiphilen Doldengewächsen (z. B. Laserpitium latifolium in den Rasen mit Calamagrostis varia) weicht stark von der der typischen Blaugrasrasen (Seslerieten) ab.

Übereinstimmung mit anderen Klassifizierungssystemen

Natura 2000, Checkliste der Lebensräume Südtirols, Corine, EUNIS.

Verbreitung

Die diesen Lebensraum kennzeichnenden Gesellschaften sind in allen Gebirgsketten Europas verbreitet. In Südtirol sind sie sehr gut vertreten und haben ihren Schwerpunkt in den Dolomiten.

Ökologie

Die alpinen Kalkrasen besiedeln ausgedehnte, mehr oder weniger steile, oft wasserzügige Hänge. Ihre Höhenverbreitung beginnt bei 1600-1700 Metern — also selten unter der Waldgrenze (in Schluchten und engen Tälern auch darunter) — und reicht bis in die subnivale Zone. Die neutral-alkalischen Böden entwickeln sich auf nicht ausgewaschenen und wenig versauerten Karbonatsubstraten. Die Böden sind meist primitiv und skelettreich, aber von variierender Mächtigkeit; diese ist minimal im Bereich der Polsterseggenrasen (Caricion firmae) und maximal in jenem der Rostseggenrasen (Caricion ferrugineae). Diese Differenzen in der Mächtigkeit entsprechen einem unterschiedlichen Nährstoffangebot. Sehr variabel ist auch die Exposition dieser Lebensräume. Sie können sowohl sonnenexponiert als auch frisch sein und jeweils trockenresistente oder feuchtigkeitsliebende Pflanzen beherbergen. Die Nacktriedrasen (Elyneten) kommen immer in großer Höhe an Gebirgskämmen und Übergängen vor und zeichnen sich durch große Windresistenz aus.

Typische Pflanzenarten

Typische Arten Artname Deutsch Dominante Arten Charakteristische   Arten Arten der Roten   Liste Südtirols Geschützte Arten (Naturschutzgesetz) Anmerkungen
Seslerion variae Blaugrasrasen          
Sesleria caerulea Kalk-Blaugras x        
Carex sempervirens Horst-Segge x        
Arabis ciliata Voralpen-Gänsekresse   x      
Hieracium pilosum Moris-Habichtskraut   x      
Hieracium villosum Zottiges Habichtskraut   x      
Oxytropis montana agg. Artengruppe   Gebirgs-Spitzkiel   x      
Gentiana clusii Kalk-Glocken-Enzian       x  
Gentiana lutea Gelber Enzian     VU x Natura-2000-Art   (Anhang V)
Gentiana verna Frühlings-Enzian       x  
Leontopodium alpinum Alpen-Edelweiß       x  
Pedicularis gyroflexa Büschel-Läusekraut     EN    
Primula halleri Haller-Primel       x  
Caricion firmae Polster-Seggenrasen          
Carex firma Polster-Segge x x      
Carex mucronata Stachelspitzige Segge x        
Carex sempervirens Horst-Segge x        
Dryas octopetala Silberwurz x        
Crepis jacquinii subsp. kerneri Jacquin-Pippau   x      
Gentianella engadinensis Engadiner Kranzenzian   x LC! x  
Pedicularis rostratocapitata Kopfiges Läusekraut   x      
Saxifraga caesia Blaugrüner Steinbrech   x   x  
Chamorchis alpina Zwergständel       x  
Gentiana clusii Kalk-Glocken-Enzian       x  
Pedicularis oederi Buntes Läusekraut     VU    
Saxifraga paniculata Trauben-Steinbrech       x  
Caricion ferrugineae Rost-Seggenhalden          
Carex ferruginea Rost-Segge x x      
Calamagrostis varia Buntes   Reitgras x        
Festuca nigricans Schwärzlicher Schwingel x        
Festuca norica Norischer Schwingel   x      
Festuca pulchella subsp. pulchella Schöner Schwingel   x LC!    
Lathyrus laevigatus subsp. occidentalis Westliche Gelbe Platterbse    x VU    
Pedicularis foliosa Durchblättertes Läusekraut   x VU    
Pedicularis rostratospicata Ähren-Läusekraut   x EN    
Traunsteinera globosa Kugelständel   x NT x  
Oxytropido-Elynion Nacktriedrasen          
Kobresia myosuroides Nacktried x x      
Antennaria carpatica Karpaten-Katzenpfötchen   x      
Comastoma tenellum Zarter Haarschlund   x   x  
Dianthus glacialis Gletscher-Nelke   x LC! x  
Draba siliquosa Kärntner Felsenblümchen   x      
Gentiana prostrata Liegender Enzian   x LC! x  
Potentilla nivea Schneeweißes Fingerkraut   x VU    
Saussurea alpina Gewöhnliche Alpenscharte   x      
Chamorchis alpina Zwergständel       x  
Erigeron neglectus Verkanntes Berufkraut     DD    
Gentiana brachyphylla Kurzblättriger Enzian       x  
Gentiana nivalis Schnee-Enzian       x  
Leontopodium alpinum Alpen-Edelweiß       x  
Dolomitenarten fehlen noch!!!            

Oft kommt nur eine der Leitarten vor, die dann meist dominant ist.

Biologische Wertigkeit

Diese Vegetationstypen sind generell sehr artenreich. Im Artenspektrum finden sich manchmal Endemiten oder biogeographisch recht interessante Arten. Auch die Fauna, seien es Wirbeltiere oder Wirbellose, zählt zu den artenreichsten und ist sehr gut untersucht. Sehr interessant ist der Lebensraum auch aufgrund ökologischer Anpassungen, Vikarianzen sowie im Hinblick auf die Klimageschichte und ehemalige Vergletscherungen.

Funktion des Lebensraumes

Die alpinen Kalkrasen sind für die Almwirtschaft von Bedeutung, aber auch als Futterquelle für das Wild. Sie tragen maßgeblich zur Schönheit und Qualität der Landschaft bei und zählen zu den wichtigsten Touristenmagneten überhaupt. Besonders in der Vergangenheit hat die Mahd der weniger trockenen Rasen die unvergleichlich schöne Landschaft der alpinen Berglandwirtschaft mit den typischen Almhütten hervorgebracht.

Unterscheidung von ähnlichen Lebensräumen

In ihren typischen Ausprägungen lassen sich diese Rasentypen leicht von anderen, angrenzenden oder ähnlichen Typen unterscheiden. Tatsächlich trifft man jedoch oft auf Mosaike mit anderen Gesellschaften. Dies ist besonders auf die Bewirtschaftung, aber auch auf geomorphologische Gegebenheiten zurückzuführen, die auf kleinster Fläche die ökologischen Bedingungen verändern. Dies lässt sich vor allem auf beweideten Flächen beobachten, in denen sich – trotz der Präsenz von Leitarten basiphiler Rasen – sowohl Säurezeiger der Nardeten als auch Zeiger der Fettwiesen (Poion alpinae) ansiedeln. Gerade in Südtirol werden die Hochlagen intensiv beweidet und selbst die Polsterseggenrasen, welche die schwächsten Rasen ausbilden, verspüren einen gewissen Weidedruck. Das erschwert am Ende eine genaue Abgrenzung einzelner Gesellschaften.

Entwicklungstendenzen und Gefährdung

Bleiben Störungen und Klimaveränderungen aus bleibt die Natürlichkeit der primären Rasen über lange Zeit bestehen. Viele alpine Kalkrasen sind sekundären Ursprungs. So wurden vor einigen Jahrhunderten auf vielen Hängen Gehölze, vor allem Sträucher, gerodet und die Flächen in Weiden umgewandelt. Nach Auflassen der Nutzung kommen die subalpinen Sträucher – je nach Höhenlage, Exposition und anderen Faktoren – in relativ kurzer Zeit  wieder auf, allen voran die Heidegewächse (Ericaceen). Ein weiteres oft beobachtetes Phänomen ist die Versauerung der Böden auf karbonatischem Muttergestein. Diese führt dazu, dass sich im Laufe der Zeit gerade auch auf Primärstandorten säureliebende Arten anderer Gesellschaften, z.B. der Krummseggenrasen (Caricetum curvulae), einstellen. Bei den Übergängen, die sich bei den Gesellschaften dieses Lebensraumes zeigen, handelt es sich weniger um eine Sukzession (klassisch für die Hochlagen wäre eine Entwicklung der Firmeten und Elyneten zu einem Seslerietum), als vielmehr um Verzahnungen verschiedener Gesellschaften aufgrund kleiner geomorphologischer Unterschiede.

Pflege und Naturschutz

Alpine Kalkrasen sind auf vielfältige und komplexe Weise gefährdet. Unter anderem sind sie das Ergebnis eines jahrhundertealten Gleichgewichts, welches in den letzten Jahrzehnten durch starke sozio-ökonomische Veränderungen aus dem Lot geraten ist. Hinzu kommen die Klimaveränderungen, die sich zwar noch in der Anfangsphase befinden, aber dennoch bereits tendenziell spürbar sind. Die Beweidung kann zwar rationell und kontrolliert erfolgen, sie wird aber immer die Grasnarbe verändern und löst, wenn sie übermäßig wird, auf den steilen Hängen Erosionsprozesse aus. Besonders störanfällig sind die Elyneten, insbesondere wenn sie von Schafen beweidet werden, die sich gerne an Graten und Bergübergängen aufhalten, um der Sommerhitze zu entfliehen. Wo sich die Herden aufhalten, zeigen sich leicht erkennbare, verarmte Aspekte mit dominanten Gräsern (insbesondere aus der Gattung Poa). Dies sollte vermieden werden – auch hinsichtlich einer touristischen Entwicklung. Die Beweidung trägt aber auch dazu bei, die Bildung von Gehölzformationen (Wacholder-Almrosengebüsche, Almrosengebüsche, Weidengebüsche, Grünerlengebüsche) zu verhindern und schränkt die Verjüngung und Entwicklung von Baumarten wie Lärchen, Fichten und Zirben ein. Eine Aufgabe der Bewirtschaftung führt in manchen Fällen sogar zu floristischer Verarmung und verschlechtert – je nach Höhenlage und anderen Faktoren - die Landschaftsqualität. Der Bau von Straßen und Skipisten trägt zur Fragmentierung dieser Lebensräume bei.

MM

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